Neben Viktor E. Frankl gibt es in neuerer Zeit einen weiteren Mann, der das Loblied der Proaktivität gesungen hat: Stephen R. Covey (1932 – 2012). Kam Frankl aus dem alteuropäischen Wien und pflegte als promovierter Psychiater und Philosoph Umgang mit Größen wie Alfred Adler und Sigmund Freud, so stammte Stephen R. Covey aus einer Welt, in der Stadt-, Universitäts- und Staatsgründungen mit Pionieren zusammenhingen, die glaubten, dass zu den touristischen Highlights ihrer Wüstenregion „Deseret“, später Utha, in tiefer Vergangenheit der Garten Eden und in ferner Zukunft die Wiederkunft Christi gehörte. Covey war Mormone und das heißt: Er war ein Familienmensch, er war fortschrittsgläubig, er war als Harvard-MBA durch und durch Geschäftsmann, er war als promovierter Religionspädagoge ein Kommunikator von Graden und er war in dieser besonderen Mischung am Ende seines 55-jährigen Ehelebens (mit einer Frau) ein Musteramerikaner mit neun Kindern, 52 Enkeln, 4 Großenkeln und einer Beratungsfirma, die heute in ca. 150 Ländern tätig ist und sich als Weltmarktführer in Sachen Organisationsentwicklung bezeichnet. Und all das auf dem Boden von Frankls Proaktivität? Wie konnte es dazu kommen?
Covey hatte es nicht einfach. Als junger Mann muss er ein begabter Athlet gewesen sein, bekam jedoch in jungen Jahren eine Knochenerkrankung (Epiphysiolysis Femoris – ) (Guayco / Alfredo (2014, S. 23), wurde an der Hüfte operiert, musste mit langen Schrauben in seinem Körper leben lernen und ging drei Jahre an Krücken. Für einen erfolgshungrigen jungen Menschen keine leichte Situtation. Wir reagierte Covey? Proaktiv. Er konzentrierte sich auf das, was er tun konnte, nämlich seine Einstellung zu diesem Pech zu ändern und sich in seiner Highschool beim Sportteam ab- und beim Debattenteam anzumelden. Und er zog alle seine Energie ab von dem, was er nicht ändern konnte – seiner Krankheit. So konnte seine Entwicklung positiv weitergehen: Covey hatte gelernt, mit Niederlagen und Rückschlägen umzugehen, und mit dem Debattierclub einen Grundstein für seine spätere Karriere gelegt. Später sollte Covey sagen: „I am not a product of my circumstances. I am a product of my decisions.“
Wie lernte er das? Als wichtiger Einfluss wird seine Mutter genannt, die ihm am Krankenbett und wahrscheinlich auch sonst bei jeder passenden Gelegenheit sagte: „Du kannst erreichen, was du willst. (You can do anything you want!)“ Seine Familie insgesamt bestand insgesamt aus Menschen, die Willenskraft, Optimismus und Erfolg verkörperten. Sein Großvater Stephen Mack Covey (1869-1959) zum Beispiel hütete in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts in den Weiten Wyomings Schafe, als er von einem Schneesturm überrascht wurde. Bei 40 Grand Minus und dem Tode nahe gelobte er, an dieser Stelle eine Schutzhütte zu bauen. Gesagt, getan – „a promise kept, a dream come true“ – aus dem Gelöbnis in Todesgefahr wurde eine Tankstelle, die er nach dem Vorbild des Antarktis-Forschers Byrd „Little America“ nannte. Little America wurde, als sich exakt an dieser Stelle später zwei Interstate-Highways trafen, von der Tankstelle und Truck-Stop zum Motel und zur Öl-Company Sinclair-Oil. Eine Familie, in der solche Geschichten erzählt werden, bildet eine Kultur starker, positiver, auf Willen und Optimismus gegründeter Prägeworte wie „You can do anything you want!“ Dies ist die psychologische Wirklichkeit, in der Stephen Covey aufwuchs, ganz unabhängig davon, wie diese Wirklichkeit nun vom Mormonentum beeinflusst war oder nicht.

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Hinzu kam, dass Covey offensichtlich ein bestimmtes Verhalten an den Tag legte, das seine Vorgesetzten in der Mormonengemeinde dazu brachte, ihn zum Ausbilder für Führungspersönlichkeiten heranzuziehen. Schon wenige Monate, nachdem er nach England aufgebrochen war, um dort seine zwei Jahre als Mormonen-Missionar abzuleisten, wurde er in das Training von neuen Gemeindeleitern abberufen. Die intellektuelle Grundlage für seine Karriere legte Covey danach mit seiner Dissertation, die er an der von Mormonen gegründeten Brigham Young Universität ablegte. Acht Jahre lang nahm er sich Zeit, um die amerikanische Erfolgsliteratur seit 1776 zu sichten. Das Ergebnis dieser Studien ist sein Longseller „The 7 Habits of Highly Effective People“ von 1989, der mehr als 20 Millionen mal verkauft und in 40 Sprachen übersetzt wurde. Darin hat er seine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen sowie sein umfassendes akademisches Wissen aus der Ratgeberliteratur zu einer From-Zero-to-Hero-Timeline zusammengefasst, die von persönlicher Abhängigkeit zur Unabhängigkeit, dann aber auch zur gekonnten Kooperation führt (dependance, independance, interdependance). Und am Anfang dieser Reise zum Erfolg, gewissermaßen als Kern des Ganzen, steht Frankls Proaktivität – „be proactive“ heißt die erste der sieben „Gewohnheiten“.
Covey: „For half a century I’ve been involved in the subject of this book in many different contexts all around the world. If you were to ask me what one subject, one theme, one point, seemed to have the greatest impact upon people – what one great idea resonated deeper in the soul than any other – of you were to ask what one ideal was most practical, most relevant, most timely, regardless of circumstances, I would answer quickly, without any reservation, and with the deepest conviction of my heart and soul, that we are free to choose. Next to life itself, the power to choose is your greatest gift. This power and freedeom stand in stark contrast to the mind-set of victimism and culture of blame so prevalent in society today.“ (Covey, 2004, S. 41) Das ist Frankl in Reinkultur: „Die geistige Freiheit des Menschen, die man ihm bis zum letzten Atemzug nicht nehmen kann, läßt ihn auch noch bis zum letzten Atemzug Gelegenheit finden, sein Leben sinnvoll zu gestalten. … Leben heißt letztlich eben nichts anderes als: Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde.“ (Frankl, Viktor E., 1977/2009, S. 103 und 118) Am Ende des Buches, in dem Covey Proaktivität am gründlichsten durchdenkt – The 8th Habit -, zitiert Covey einige Menschen, die ihm besonders viel bedeuten. Neben seinem Großvater und einem General kommt am ausführlichsten der Biograph von Viktor E. Frankl zu Wort (Covey, 2004, S. 315/6).
Covey behauptete nie, dass er das Wort oder die Haltung der Proaktivität selbst erfunden habe. Wiederholt erzählt er, wie er beim Studieren in Hawaii in einer Bibliothek auf ein Buch stieß (z.B. Covey, 1997, S. 27). Diese Entdeckung muss ihn, so erzählt er es, zutiefst bewegt und verändert haben. Er nennt drei Aussagen aus diesem Buch: 1. Zwischen Stimulus und Response ist ein Zwischenraum. 2. In diesem Zwischenraum liegt unsere Freiheit und die Macht, unsere Antwort zu wählen. 3. In unserer Antwort liegen unser Wachstum und unser Glück. Es ist bemerkenswert, dass Covey erzählt, wie er die zentralen Aussagen seiner Philosophie, die Grundlagen der Proaktivität, nun ja, abgeschrieben hat. Er sagt aber nicht, von wem. Viktor E. Frankl? M. Scott Peck? Klar ist, dass Covey aus vielen Quellen geschöpft hat. Zum Beispiel stammt der sprachliche Griff, Effektivität als „Gewohnheit“ zu bezeichnen, laut Covey von keinem Geringeren als dem Management-Guru Peter Drucker.
Nun wurde Covey immer wieder vorgeworfen, dass seine „Gewohnheiten“ nur eine säkularisierte Fassung seiner mormonischen Glaubenssätze seien. Covey schreibt zwar: „There is not one principle taught in this book that is unique to any specific faith or religion, including my own. These principles are a part of most every major enduring religion, as well as enduring social philosophies and ethical systems.“ (Covey, Stephen R., 1989/2004, Vorwort). Aber in „The Divine Center“, einem theologischen Buch, das ganz von den mormonischen Schriften her denkt, schreibt er: „I have found in speaking to various non-LDS groups in different cultures that we can teach and testify of many gospel principles if we are careful in selecting words which carry our meaning but come from their experience and frame of mind.“ (Covey, Stephen R., 1982/2005, pos 3358) Das zeigt zumindest, dass Covey sich des Umstandes bewusst war, dass er manche seiner persönlichen Prinzipien durch entsprechende Begriffe als allgemeine Prinzipien tarnen konnte. Aber welche waren das?
Schauen wir uns die „7 Gewohnheiten“ genauer an. Die Gewohnheiten 1 bis 3, also Proaktivität, Zielbewusstsein und kluge Priorisierung sind weltanschaulich nicht tendenziös. Das Gleiche gilt für 4 bis 7, das sind beiderseitige Vorteile suchen, Zuhören, Synergien suchen und stetig an sich arbeiten. All diese Gewohnheiten mit ihren zugrundeliegenden Werten wie Vertrauen, Kooperation, Entschlossenheit oder Fleiß sind ethische Bausteine, die in keiner Weise Mormonen, Christen oder Muslime allein auszeichnen. Was Covey von allgemeinen Ansätzen unterscheidet, ist dass er diesen Bemühungen als Mormone einen vergöttlichenden Effekt beimisst. Das erhöhte mit Sicherheit seine persönliche Motivation für diesen Weg, macht den Weg selbst aber nicht irgendwie angreifbar, irreführend oder sektiererisch. Schließlich ist es kein Makel, an der Entwicklung seiner eigenen Persönlichkeit zu arbeiten, im Gegenteil. Der Weg der sieben Gewohnheiten ist also „common sense“, allerdings nicht „common practice“. Coveys Verdienst ist in diesem Sinne, dass er mit seiner griffigen Zusammenfassung vieler Erfolgsratgeber und seiner energischen Persönlichkeit vielen einen Weg gezeigt und sie inspiriert hat, sich proaktiv und kooperativ aus der eigenen Opferhaltung zu befreien und eine freie und selbstbestimmte Zukunft anzupacken. Dies ist ein oder vielleicht der Kern des Selbstverständnisses der westlichen freien Welt: Freiheit, Selbstbestimmung, Kooperation, kreative Problemlösung. Proaktivität ist der Schlüssel zur politischen Freiheit und zum persönlichen Glück. Sich auf diesem Weg die Gewohnheiten von Stephen Covey anzueignen, hilft ganz erheblich.
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Quellen:
Covey, Stephen R. (1989/2004): The 7 Habits of Highly Effective People. Powerful Lessons in Personal Change. New York: Simon & Schuster, Inc / Free Press.
Covey, Stephen R. (2008): The Leader in Me. How Schools and Parents Around the World Are Inspiring Greatness, One Child At a Time. New York: Free Press/Simon & Schuster Inc.
Covey, Stephen R. (1997): The 7 Habits Of Highly Effective Families. Building A Beautiful Family Culture In A Turbulent World: New York: Golden Books.
Covey, Stephen R. (2004): The 8th Habit. From Effectiveness to Greatness. New York: Free Press.
Covey, Stephen R. (1982/2005): The Divine Center. Why We Need a Life Centered on God and Christ and How We Attain It. Salt Lake City: Deseret Book Company (Kindle Edition).
Frankl, Viktor E. (1977/2009): … trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München: Kösel (Kindle Edition)
Guayco, Marion Theodore G. / Fernandez-Cuervo, Alfredo (2014): The Bibliotherapeutic Effect of Texts: An Analysis on Stephen Covey’s “The Seven Habits of Highly Effective People“. Manila: Kalayaan College. (Seminararbeit)
http://www.wyomingtalesandtrails.com/littleamerica.html: Eine Geschichte aus Coveys Familie, die deren Unternehmergeist und Zuverlässigkeit demonstriert.
http://www.apologeticsindex.org/4554-closer-look-stephen-covey-7-habits: Eine theologische Kritik an Coveys sieben Gewohnheiten.
https://www.linkedin.com/pulse/38-most-inspiring-leadership-quotes-i-know-dr-travis-bradberry/: Eine Liste von Zitaten berühmter Führungspersönlichkeiten.
https://money.cnn.com/magazines/fortune/fortune_archive/1994/12/12/80049/index.htm: Ein Feature über Coveys Errungenschaften des Magazins Fortune.
https://www.latimes.com/local/obituaries/la-me-stephen-covey-20120717-story.html: Ein Nachruf auf Covey der Los Angeles Times.
https://www.ezw-berlin.de/html/3_141.php: Die Evangelische Zentrale für Weltanschauungsfragen zum Mormonentum.
https://www.franklincovey.com/: Die weltweit agierende Beratungsfirma von Covey.
Ein Kommentar zu “Stephen R. Covey – der Proaktivitäts-Firmenchef”